Die Welt steht Kopf: Eine eisige Überraschung im Sommer
Münzinger brauchte eine Auszeit. Er musste mal abschalten. Als Werbetexter war es an der Zeit, sich eine Pause zu gönnen, sobald er seinen eigenen Worttiraden Glauben schenkte. Am späten Abend erreichte er sein Wochenendomizil. Ein schweres Gewitter tobte über der Blockhütte, die von alten Eichen umgeben war. Der sommerlichen Schwüle wurde die Maske vom Gesicht gerissen. Der Sturm, der Starkregen und der Hagel ließen die tropische Hitze verschwinden und die Temperaturen in den Keller sinken. Plötzlich herrschten Minusgrade. Was war hier los? Hatte jemand den Schalter umgelegt und festgetackert? Münzinger war verwirrt und fragte sich sarkastisch, ob er Gretchen um Rat fragen sollte. Ein Blick auf sein Smartphone bestätigte seine Befürchtungen. Die Nachrichten überschlugen sich mit Meldungen über eine weltweite Apokalypse. Alles schien zum Stillstand gekommen zu sein. Ein erzwungener Waffenstillstand breitete sich aus. Münzinger erkannte, dass er sich am Rande des Abgrunds befand. Die Situation machte ihm Angst. Um sich warmzuhalten, begab er sich zum Holzschuppen und holte einige Holzscheite, die er neben dem offenen Kamin deponierte. Er beschloss, sparsam mit dem Holz umzugehen und erst am nächsten Tag ein Feuer zu machen. Das Außenthermometer zeigte mittlerweile 12 Grad unter Null. Es war unglaublich. In den folgenden Tagen blieb es eisig kalt, obwohl die Sonne vom azurblauen Himmel schien. Die Szenerie war wunderschön und gleichzeitig frostig. Zum Glück hatte Münzinger letztes Jahr zwei Minisolarkraftwerke mit einem kleinen Zwischenspeicher auf der Südseite der Veranda installiert. Diese lieferten immer noch genug Strom für den Kühlschrank. Der Kühlschrank war eigentlich viel zu groß für die kleine Hütte, aber Münzinger war froh darüber. Er hatte alles, was warm gehalten werden musste, in den Kühlschrank gepackt. Von Zahnpasta über Sonnenmilch bis hin zu Lebensmitteln wie Knoblauchzehen, Zwiebeln, Kopfsalat, Dressing, Joghurt, Frischkäse, Eier, Milch, Trinkwasser und Hefeweizen. Selbstverständlich durfte auch gute deutsche Markenbutter, mild gesäuert, nicht fehlen. Alles schön mollig warm gehalten auf 8 Grad Celsius. Münzinger hatte sich damals von seinen eigenen Werbeslogans blenden lassen und den überdimensionierten Kühlschrank gekauft. Doch jetzt war er dankbar dafür. Der Kühlschrank strahlte nach außen hin Selbstbewusstsein und Coolness aus, während er im Inneren im Moment wie ein Tante-Emma-Laden der fünfziger Jahre aussah. Die unerwartete Kälte im Sommer hatte Münzinger überrascht, aber er hatte vorgesorgt und konnte sich dank der Solarkraftwerke und des gut gefüllten Kühlschranks zumindest vorerst „über Frost“ halten. Die Welt mochte sich im Chaos befinden, aber Münzinger hatte seine eigene kleine Oase der Normalität auf Zeit geschaffen. Die Hoffnung stirbt zuletzt, murmelte er vor sich hin. Und in ein paar Tagen ist laut Kalender Sommeranfang. Da wird sich das ganze Szenario auf „Werkseinstellung“ reseten. Bestimmt! Und dann ist wieder alles in Butter. Guter deutscher Butter. Mild gesäuert.
— LOLUSCH (außer Konkurrenz)
