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Matthias Kröner liest ein Sommergedicht

Summertime … and the living is easy

Gedichte von Matthias Kröner

First Date

Diese Kneipe mit den vielen Sofas, die man sonst nur auf dem Sperrmüll findet, war der perfekte Treff für das erste Date. Uns hatte es zufällig dorthin verschlagen. Wir betraten die Bar, und wir setzten uns, und wir sahen, dass wir dort nicht mehr hingehörten, was wir schade fanden; ich mehr als sie. Wir wollten uns nicht verlassen, das ja gerade nicht. Dafür noch einmal so sein wie einst, als wir uns in dieser Kneipe das erste Mal trafen und küssten. Man hörte es regelrecht knistern, während draußen die Sanitäter vorbeifuhren und Leute herumschrien, meist, weil sie gute Laune hatten. Mopeds tobten vorüber, selten Autos, denn auch in einer Stadt wie dieser war Sommer angesagt. Summernightcity. Die zwei uns gegenüber fingen jetzt tatsächlich zu knutschen an. Meine Freundin flüsterte mir zu: „Hat die schöne Haare!“ „Du auch“, sagte ich und dann sagte sie: „Geh mal raus und komm wieder rein, und dann tun wir so, als würden wir uns das erste Mal sehen.“ Ich sah sie belustigt an, und dann tat ich genau das. Draußen standen ein paar Raucher. Ihre Kippen glühten wie betäubte Glühwürmchen durch die Nacht. Sogar der Himmel hatte diese tiefblaue Farbe, die es nur selten in großen Städten gibt, und ich trat wieder ein und schaute irritiert über das Meer der Sofas, die wie Kanus in dieser Kneipe trieben. Da – entdeckte ich eine Frau, die ich spannend fand. Ich ging auf sie zu, etwas unsicher, und fragte sie, ob ich mich zu ihr setzen dürfe. Sie schaute ein bisschen skeptisch und nickte dann, und auf einmal knisterten wir genauso herum wie die anderen Männer und Frauen und die Männer und Männer und die Frauen und Frauen, und wir redeten und irgendwann küssten wir und küssten anders, als wir sonst küssten. Wir haben das Gehirn auch, dachte ich, damit wir uns Tricks ausdenken können. Um gut zu lieben.

Nachbarn

Das Aneinanderklirren der Biergläser der Nachbarn.Auch wenn sie einen wahnsinnig machenmit ihren über Lautsprecher verabreichten Schlagernund ihren so kurz geschorenen verbrannten Wüsten,die einmal Wiese warenund Rückzugsort für Insekten.Dieses stille nächtliche Aneinanderklirrender Gläser, dazwischenGetuschel, Gespräche,aber so, als würde die Nacht schlafenwie ein Kind, das man nicht wecken will,weht so vorsichtig und sanft zu mir rüber,dass ich nicht anders kannals alleinan den Zaun zu gehenund durch das Blütenwirrwarrund Blätterdickicht hinüberzublickenund mir einen Schluck abzuholenvon diesem seltenen und immer einzigartigenAufgehobensein im Momenteiner vorübergehenden Freundschaft.

Das Match

Die langen Sommerferien waren das Beste. Das, was die Schule ausmachte. An diesen Freitagen kam ich heim und war glücklich. Sechs endlose Wochen lagen vor mir. Wochen, in denen ich mit meinen Eltern verreisen, aber auch mit meinen Freunden um die Häuser ziehen würde. Wochen, in denen nichts gelernt wurde, und die jetzt anfingen, in diesem Augenblick. Ich kam heim, und ich knallte mich vor den Fernseher. Weil Wimbledon lief. Boris Becker musste sich beweisen für uns. Er gab alles, während ich davor saß und mitfieberte, aber tiefenentspannt und abgehoben von dem, was mich die letzten Monate so beschäftigt hatte. Manchmal aß ich Erdbeeren dazu. Wie die Royals auf der Tribüne! Nur dass meine aus dem eigenen Garten waren und besser schmeckten. Ich sah auf das Spielfeld. Becker hatte Matchbälle gegen sich und war genau dann am besten. Manchmal saß ein sehr guter Freund neben wir. Doch die schönsten Augenblicke hatte ich mit mir allein. Vorteil Becker. Satzball Becker. Matchball Becker. Das Spiel hätte ewig gehen können. Sechs Sätze, sieben, neun, dreizehn. Wir standen so unter Druck, und dieser Tennisspieler war es, der uns betäubte, während draußen vor der weit geöffneten Terrassentür die Sonne hinter den Häusern verschwand und noch immer der erste Ferientag vor mir lag.

Buchen

Wenn sie wüssten,welche Kathedralen sie in die Naturhineinstellenmit Pfeilernund Schattendächernund sich überlagernden Blättern,die vor sich hinflüstern – – Ich glaube, sie könnten uns Nachrichtenüberbringen, die allesändern würden. Oder tun sie es –und wir verweigerndie Antwortaus Angst?

Die Pavillons

Vermutlich musste es diese Pavillons geben. Sonst hätten wir seltener frei bekommen. Die Pavillons waren Pappkartons, die sich aufheizten und das Denken schwer machten. Nicht nur wir, auch unsere Lehrer schwitzten darin und warteten ebenso auf die knisternde Durchsage aus den Lautsprechern. Wenn der Direktor anhob, wussten wir schon, wie es enden würde. In einem großen Gejubel. Die Lehrerinnen grinsten genauso breit. Wir packen zusammen, schwangen uns auf die Räder, fuhren schnell heim und danach ins Freibad. In klimatisierten Klassenräumen, denke ich, hätte es all das nicht gegeben. Die Knisterdurchsage nicht. Nicht die Spannung und nicht die kaum auszuhaltende Hitze, die Erlösung nicht, die ein „Hitzefrei!“ des Direktors braucht. Wer sich nur sorgt, weiß nicht um das Glück nach dem Leiden, das größer ist als die fortwährende Nulllinie, die sich einstellt, wenn alle Einstellungen ständig geschärft werden. Der kennt nicht die fettigen Pommes mit Ketchup und die Überwindung vom Fünfer zu springen, weil der genau richtige Tag dafür einer ist, an dem man aus der Schule verschwinden darf, um die Treppen des Sprungturms und den Beton zu meistern, an dessen Ende der freie Fall und der Tauchgang stehen – und danach die Wiese unter den Birken und der erste Anflug einer ganz leisen Sommerverliebtheit in ein Mädchen, das neuerdings mitkam, wenn wir an solchen Tagen die kleine Stadt eroberten. Wenn ich heute daran vorbeifahre, denke ich mit Wehmut daran, wie sie abgerissen wurden mit schwerem Gerät, unsere heiligen und stets überhitzten Pavillons, die uns zuverlässig entließen – in die Wildnis.

Sommergewitter!

Ich hätte sie gerne auf Knopfdruck,wenn ich mich verirrt habein mirund die Klärung eines heftigen Regen-schauers benötige. Damit die Tafelin mir,die ich vollkritzelemit Zweifeln,leer wirdund grün. Tafula rasa.

Der Holzstapel

Oh Mann, dieser Holzstapel! Wann immer ich einen ähnlichen Geruch rieche, bin ich wieder dort. Er schmeckte nach Harz, und die Hölzer waren unterschiedlich lang, und wir saßen darauf und rauchten, tranken Bier und nahmen alles auf eine Weise ernst und unwichtig. Die Gleise waren noch nicht gelegt. Es konnte so viel passieren und nichts. Ich fühlte diese Freiheit wie nie zuvor und vermutlich wie nie mehr hinterher. Es waren Augenblicke der absoluten Grenzlosigkeit, die ich in diesem Moment schon als besonders wahrnahm. Sprachen wir über die Zukunft? Ich glaube nicht. Wir sprachen über die Gegenwart, das, was uns in ihr beschäftigte. Wir zogen an unseren Kippen, wir hoben die Biere, wir sahen über die Ebene, vor der dieser Holzstapel geschlichtet war, ein wenig wackelig, und wir beobachteten zwei Reiher, die unentschlossen auf den Feldern landeten, wieder abhoben, landeten. Ich hätte ewig dort bleiben können, und wahrscheinlich deshalb komme ich immer wieder dorthin zurück, wenn ich aussteige aus einer Wirklichkeit, die mir gut gefällt und auch nicht, und diesen Geruch rieche, wie damals, nur ohne Kippen und Bier, dafür mit einem kleinen Menschen an meiner Hand, der jetzt in den Waldkindergarten geht, während ich zurückreise und gleich wieder da bin und mich leicht schütteln muss, weil die Gleise gelegt sind, doch ich mich immer wieder daran erinnere, dass die Weichen von mir gestellt werden. Es ist der Holzstapel, der mich daran erinnert. Es ist die Ebene. Es sind die Reiher.

Freistil

Da weht ein Geruch durch die Nachtum drei Uhrfrüh,der sich nicht beirrenlässtvon der Unzulänglichkeitallen Lebens.Ich bin da,sagt erund weht und weht.

Erdbeerplantage

Als wir den Fahnenmast aus der Erde geholt hatten und ihn auf das Gelände fallen ließen, sah ich das Schild, das mir zuvor verborgen geblieben war: „Erdbeerplantage abgeerntet“. Dafür hatten wir all den Aufwand unternommen, waren durch ein Loch im Zaun gekrochen, hatten uns zuvor mit Maiskolben gestärkt, die wir auf den Feldern erbeutet und am Lagerfeuer gebraten hatten. Wir rissen die Fahne ab, die eh die nächste Saison nicht erleben würde. Der Mast lag zwischen den abgeernteten Beeten, und wir vier wussten, wir können alles schaffen, zumindest heute in dieser extrem heißen Sommernacht, mein bester Freund, zwei Mädchen und ich. Es fanden keine Küsse an diesem Abend statt. Nur wir fanden statt. Wir vier, jugendlich und stark und so eindeutig in unserem Wollen, die Erdbeerplantage zu plündern, die von Erwachsenen geerntet war, aber von uns geentert. Die Fahne nahmen wir mit, und ich behielt sie lange wie eine Trophäe, die man braucht, um sich im Nachhinein zu vergewissern, wie das gewesen ist, auch wenn ich kein einziges Wort mehr weiß, das wir gewechselt haben. Ich weiß nur, wir waren am Leben. So richtig. Und die wenigen Erdbeeren, die wir noch fanden, winzig und überrot, schmeckten wie Drogen, die wir nicht nahmen, weil sie uns keine größere Euphorie geschenkt hätten. Auf dem Rad nach Hause schrie ich vor Glück in die Dunkelheit.

Der Keiler

Wie er angerannt kam, der Keiler,wie ein mythisches Wesen,und wir uns bei unserem allerersten Date auf einen Holzstapel flüchtetenund dort warteten,stundenlang, weil der Keiler immer nochirgendwo zu hören war,seltsam kampfbereit, und erst ging,als wir lange miteinander redetenund ihn vergaßen und endlich küssten.Als hätte er darauf bestanden,dass genau das passieren soll!

Schwimmzüge

Da war ich also, in der Mitte des Sees. Manchmal machte ich kleine Tauchgänge. Um wieder Kraft zu schöpfen. Es war das erste Mal, dass ich diese Strecke schwamm. Im Schwimmbad hatte ich nie mehr als zwei Bahnen geschafft, und auf einmal befand ich mich in der Mitte des Sees. Der Tag war windstill. Es wehten nur kleine Wellen an mich heran. Nirgendwo lag ein Boot mit Anglern, und meine Frau, eine hervorragende Schwimmerin, hätte mich auch nicht retten können. Dafür war sie viel zu weit weg. Ich wusste, weshalb ich über den See schwimmen wollte. Nur, war ich gut genug? Hielt ich durch? Ich dachte an die vielen Absagebriefe, die ich bekommen hatte. Ich dachte an die langen Jahre, in denen ich schwamm. Schwamm wie jetzt. In denen ich nicht vorankam. Ich bewegte die Arme und Beine, doch der Steg war noch so weit weg. Was ist es, was uns durchhalten lässt? Weshalb wollen wir ein Ziel erreichen? Oder denken wir nur, dass wir wollen sollen? Sind es die Voreinstellungen unserer Psyche, die unsere Eltern miteingerichtet haben? Ich bin nie ein guter Schwimmer gewesen. Schwimmunterricht waren die schrecklichsten Schulstunden. Ich wollte mich drücken und schämte mich gleichzeitig. Meine Eltern versuchten mir im Freibad das Schwimmen beizubringen. Ich vertraute nicht mal den Schwimmflügeln. Wie sollten mich diese orangefarbenen Dinger halten? Schließlich war es ein Schwimmkurs außerhalb der Schule, der mich rettete. Trotzdem war ich nie lang unterwegs. Ich machte zwanzig Schwimmzüge in den See. Zwanzig zurück. Jetzt befand ich mich in der Mitte. Meine Arme taten mir weh, mein Brustkorb. Was, wenn ich einen Krampf bekomme? Ich ging in diesem Moment durch Ängste. Wenig bekam ich geschenkt. Oder ist das auch nur eine Einstellung? Ist die Wirklichkeit das, worauf wir unsere Wahrnehmung werfen? Ist unsere Wahrnehmung Wahrheit? Dann – spürte ich Boden unter den Füßen. Ich hatte den See durchschwommen. Ich hatte die Angst durchquert, und genau das gefiel mir. Ich berührte einen Baum, dessen hohe Wurzeln im Wasser standen. Stieg auf den Steg. Setzte mich. Da gab es auch einen Greifvogel. Weit über mir. Wie tief dieser See wohl war? Ich winkte der Frau auf der anderen Seite zu. Ich konnte mir jetzt alles vorstellen. Irgendwann schwamm ich zurück und brauchte erneut sehr lange. Wieder biss ich mich durch. Die Mitte des Sees war diesmal kürzer. „Du warst ganz schön lang unterwegs“, sagte die Frau, als ich ankam. „Ich habe dich nicht mehr gesehen.“ Das kannte ich auch von ihr. Wenn sie weit hinausschwamm, verlor ich sie irgendwann aus dem Blick. Ich musste vertrauen. Wir alle vertrauen. Sonst können wir nicht bestehen. Immer noch waren wir die einzigen Menschen an diesem Waldsee. Wenig später radelten wir zum Ferienhaus zurück. Wir kochten, saßen zusammen, tranken, redeten. Wir liebten uns, und nachts träumte ich von den kleinen Wellen, die an mich heranschwappten. Sie flüsterten mir etwas zu, das ich nicht verstand. Wie Gedanken, die sich noch nicht entschieden haben. Bis ich begriff: Man ist seine Gedanken. Es kommt darauf an, was man zulässt. Ich weiß bis heute nicht, wie tief ich zum Grund hätte tauchen müssen. In der Mitte. Als ich dorthin schwamm, weil ich auf die andere Seite wollte.

Gegend

Manchmal trifft mich überraschend hartdie Schönheit dieser Welt.Sie wirkt dann so,als wäre sie nicht auf sich selbst gestellt,ein Zug auf einem Abstellgleis,der hält. Sie liegt so offen da,zwei Bäume wehen,als würden sie sich durch mein Augenpaar,das schweift,nur für Momente sehen. Ein Ahnen bloß,das sie von sich begreift.Die Schönheit trifft mich wie ein Schuss,der streift.

Strandschluss

Ich weiß es noch ganz genau. Ich saß an einem Hotelstrand auf Kreta und sah in die Weite. Die meisten Strandbesucher hatten sich schon zurückgezogen und machten sich auf dem Hotelzimmer frisch. Bald wurde der Saal zum Buffet geöffnet, und die Sonne senkte sich langsam ins Wasser. Ich war vielleicht zwölf, vielleicht dreizehn. Um mich herum packten die letzten zusammen, verließen ihre Liegen und kleinen Hütten, und ich saß da, sah aufs Meer und begriff plötzlich, wie einsam man sein kann, und wie erhaben. Gab es da draußen noch irgendjemanden, der so fühlte wie ich? Der in diesem Moment ein Stück weit erwachsen wurde. Allein mit sich und der Welt. Der etwas begriff, was in Worte zu fassen schwer ist. Es gab eine Traurigkeit und eine Klarheit. Ich war da, und ich lebte. Die Volleyballer fischten einen verunglückten Ball aus einer verlassenen Sandburg. Ganz hinten am Horizont kreuzte ein letzter Segler, und im Wasser war niemand mehr. Kein Schwimmer, niemand in meinem Alter, nur andere Lebewesen, die solche Gedanken wahrscheinlich nicht hatten. Ich schaute in die Unendlichkeit, und ich wusste, ich musste jetzt gehen, aufstehen, mich ebenfalls fertigmachen, mich abduschen, das Salz auf meiner Haut loswerden, mich in neue Klamotten schmeißen und danach runtergehen, mitessen, etwas trinken. Ich grub meine Hände in den Sand und spürte, wie ich Teil dieses Kosmos war, als wie aus dem Nichts meine Mutter dastand. „Da bist du ja! Wir haben dich schon gesucht. Los komm, gleich gibt’s Einlass!“ Ich stand auf, und ich lief plötzlich anders. Meine Beine bewegten sich auf eine mir neue Art, die mich über die Steinplatten zum Hotel führte bis hinauf in mein Einzelzimmer, das mir kleiner vorkam und größer und wie verwandelt. Als würde ich ab sofort alles anders sehen. Ich war kein Kind mehr, obwohl sich doch nichts verändert hatte an diesem heißen Sommerabend bei Strandschluss auf Kreta.

Großer Fang

Wir wissen alle noch,wie ein großer Fisch hinter Mamahochsprang,vielleicht war es ein Wels,der sich verschätzt hatteund wiederab-tauch-te.Wir wissen esund würden es beschwören,sogar vor Gerichtunter Eid,und vielleicht sind genau das die Erinnerungen,die bleibenund in den Einweckgläsernunserer Erinnerungschwimmen,weil das Unerwarteteeine so große Macht hat und uns beglücktin dieser vollautomatisiertendurch Bildschirme geschütztenund abgeschotteten Ersatzwirklichkeit,die wir anbetenaus Angst vor dem,was passieren kann –wenn wir leben.

Natur

Den Seestört esnicht,wenn wirin ihmschwimmen.Er verschwendetkeine Gedankenan uns,aber wiran ihn.Wenn der wüsste,was ermit unsanstelltin all seiner Klarheitund Frische!

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